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07. Oktober 2020 #ontheroad

Digitales oder Postdigitales Zeitalter?

geschrieben von Dr. Andreas F. Philipp

Wir werden immer wieder gefragt, was mit Postdigital genau gemeint ist. Geht es da um ein Zeitalter, das nach dem digitalen Zeitalter kommt? Das digitale Zeitalter dementsprechend schon vorbei ist? Nein, so ist es nicht. Zumindest nicht in dieser rein logischen Stringenz.

 

Vielmehr leben wir gerade in einer Zeit, in der wir uns bis zu einem gewissen Grad entscheiden müssen, ob wir vertieft in ein digitales Zeitalter gehen wollen, oder uns zügig in ein postdigitales Zeitalter weiterentwickeln möchten. Das digitale Zeitalter lässt sich am besten durch drei Faktoren beschreiben:

  • Wir haben ein rein naturwissenschaftliches Denken. Das heißt die Welt ist objektiv erkennbar, sie ist messbar und bewertbar. Alles, was ich nicht erkennen, messen und bewerten kann, ist nicht vorhanden.
  • Das digitale Zeitalter ist stark der wirtschaftlichen Logik, wie wir sie heute kennen, unterworfen. Alles, was entsteht, muss einen Nutzen haben, nur durch quantitatives Wachstum erreichen wir Wohlstand. Die meisten Geschäfts- und Businessmodelle orientieren sich fast ausnahmslos an dieser Logik.
  • Und: Das digitale Zeitalter ist von einer extremen Technikgläubigkeit geprägt. Technische Innovation ist die Lösung aller Probleme. Der Mensch ist der Mittelpunkt dieser Welt, und alle Probleme, die entstehen können, werden durch Technik auch wieder gelöst.

Das postdigitale Zeitalter und das postdigitale Denken wirken auf einer anderen Ebene. Es ist holistisch, hat einen ganzheitlichen Blick und es denkt in systemisch-vernetzten Zusammenhängen:

  • Die Erkenntnisse der modernen Wissenschaft werden ergänzt durch spirituelle Erkenntnisse, Erkenntnisse früherer Weisheits-Traditionen und verbinden dies zu einer integralen Weltsicht.
  • Die ökonomische Logik der reinen Nutzenmaximierung des Einzelnen, wird um ein Gemeinwohl- und Verbundenheitsprinzip erweitert.
  • Und die Technologiegläubigkeit wird um die Frage erweitert: Wie kann ein gutes, nachhaltiges Leben für die ganze Welt aussehen und welchen Beitrag leisten dafür Technik und Digitalisierung?

Im digitalen Weltbild landen wir bei einer funktional-differenzierten, materialistischen, ins Detail gehenden, ja einer trennenden Gesellschaft, während sich das postdigitale Zeitalter als verbindend, ganzheitlich und in Zusammenhängen denkend, beschreiben lässt. Wir können sagen, das digitale Zeitalter baut stärker auf der Newtonschen Mechanik auf, während das postdigitale Zeitalter eher die Quantenmechanik als Denkkonstrukt im Hinterkopf hat. Dies führt zu zwei verschiedenen Wegen.

Homo Digitalis oder Homo Conscius? Im digitalen Zeitalter landen wir beim Homo Digitalis, den der israelische Geschichtsphilosoph Juval Harari in seinem großartigen Werk sogar als Homo Deus beschrieben hat.

Der Homo Digitalis ist jemand, der weiter macht wie bisher, der an Technik glaubt, die alle Probleme löst. Er nutzt die Erde, so lange sie ihm als Nutzen noch dient, und wenn sie nicht mehr ausreichend Nutzen bringt, sucht er nach neuen Lebensräumen, was ja gerade schon stattfindet – der Mars als potenzielles Überlebensfeld für die Menschheit. Noch einen Schritt weiter gehend, strebt das radikal digitale Denken Unsterblichkeit dank technischer Optimierung an. Da sind wir beim Singularitätsprinzip der Silicon Valley Gurus aus Stanford. Ray Kurzweil, als ihr prominentester Vertreter.

Die dahinterstehende Philosophie ist der Transhumanismus: Der Mensch, der sich mit Hilfe technischer sowie gentechnischer Erweiterung hin zur Unsterblichkeit optimiert.  Transhumanismus als Vision und als Religion. Unterschiede und Polaritäten werden aufgelöst, Mann und Frau verschwinden immer mehr, werden zu 0.1., zum Es. Das ist das Mindset des Homo Digitalis.

Dem gegenüber wird im postdigitalen Zeitalter der Homo Conscius – wie er vom buddhistischen Meister Thich Nhat Hanh gerne genannt wird – also der bewusst lebende Mensch, entstehen. Hier geht es um einen Menschen, der die kraftvolle Wandlung hin zu einer bewussteren Lebensweise mit vorantreibt. Es geht um den intelligenten Einsatz von Wissen und Technik. Nicht alles, was technisch machbar ist, muss gemacht werden. Die Technik dient dem Menschen, der Erde, ja dem Sein – und nicht anders herum. Es geht um eine kooperativere Lebensweise. Es geht um Achtsamkeit und Verbundenheit. Und es geht tatsächlich darum, dass die Erde als der Planet für das Leben und auch für den Menschen erhalten wird und in seiner einzigartigen wunderbaren Schönheit allen Wert erhält.

Das sind also die zwei Wege. Wir bei Postdigital sind für den postdigitalen Lebensweg angetreten und wollen diesen näher beschreiben und praktisch begehen. Konkreter: Um ein postdigitales Leben führen und entwickeln zu können, braucht es drei Ebenen:

Die persönliche Bewusstseinsentwicklung: Jeder Einzelne ist ganz persönlich gefordert, sein bisheriges Weltbild zu hinterfragen, zu erweitern, kontraintuitive Impulse zuzulassen und so seinen Blick immer mehr zu weiten. Ziel ist es, zunehmend vernetzter und ganzheitlicher denken und fühlen zu können.

Dann braucht es dafür eine integrale Organisationsentwicklung, wie wir das nennen: d.h., es reicht nicht mehr in den klassischen Modellen von Wirtschaft, Unternehmen, Organisationen zu denken. Wir brauchen einen umfassenderen Blick auf Unternehmen und deren Wirkungs- und Funktionsweise. Da sind vor allem Selbstorganisation, selbstorganisierte Steuerungsprinzipien und Kooperation die entscheidenden Faktoren. Sowie das Zusammenspiel von bestehenden Unternehmen und Organisationen mit neuen, netzwerkartigen Organisationsgebilden. Mittelfristig wird es hier zu einer Erweiterung bzw. Auflösung des reinen Ich-, Nutzen- und Gewinnmaximierungsprinzips kommen. Das klassische Wachstumsparadigma wird im postdigitalen Zeitalter nicht nur zunehmend hinterfragt werden, sondern es wird sich zu einem integral gesundenden Wirkungs- und Wachstumsprinzip weiterentwickeln.

Das führt uns zur dritten Stufe, die ganzheitliche Gesellschaftsentwicklung: Diese startet bei der Ausgangs-Frage „Wie wollen wir leben?“. Damit eng verbunden, die Frage „Wie wollen wir wirtschaften?“. Also mehr Gemeinwohlökonomie, statt reiner Gewinnmaximierungsökonomie. Mehr Kooperation, statt reinem Wettbewerb. Mehr ein Verbundenheitsprinzip als ein reines Nutzenoptimierungsprinzip.

Die Vernetzung dieser drei Ebenen und deren Entwicklung wollen wir mit unterstützen. Dazu haben wir das Projekt „Postdigital“ in’s Leben gerufen, eine Bewegung zum gemeinsamen Aufbau einer postdigitalen Welt, vor deren Entscheidung wir stehen. Im Kern geht es darum, eine tragfähige Leitvision für das 21. Jahrhundert zu entwickeln.

Wir hatten im 18. Jahrhundert und der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts die großen Leitvisionen Liberté, Egalité, Fraternité. Diese wurden im 19. und 20. Jahrhundert durch die polaren Vorstellungen von Kapitalismus oder Kommunismus abgelöst. Und wir haben uns im 20. Jahrhundert, nach dem 2. Weltkrieg, vorrangig in Deutschland an dem Prinzip der sozialen Marktwirtschaft als Leitvision für eine Gesellschaft orientiert.

Welche Leitvisionen haben wir heute? Ist es das Silicon Valley, mit seinen Ideen einer vollständig digital vernetzten Welt, in der wir alles auf einen Klick erledigt, mit einem Wisch erfüllt bekommen? Oder beginnen wir einen gemeinsamen Prozess, eine Leitvision zu entwickeln, wie wir im 21. Jahrhundert leben wollen? In unserem Buch „Postdigital – Mensch, wie wollen wir leben?“ haben wir in Kapitel 11 skizzenhaft beschrieben, wie so ein Prozess aussehen kann.

Auf so einer gemeinsamen Leit-Vision aufbauend, können wir dann weitere Fragen diskutieren und beantworten: Wie wollen wir wirtschaften? Wie soll die politische Steuerung unserer Gesellschaft aussehen? Wie wollen wir arbeiten? Wie wollen wir lehren, bilden und erziehen? Wie kooperativ wollen wir miteinander umgehen? Und so weiter. All diese und noch viel mehr Fragen lassen sich daraus ableiten und in einen stimmigen Gesamtzusammenhang bringen.

Das wäre mal in Kurzform der Versuch, zu erklären, was wir unter POSTDIGITAL und dem postdigitalen Zeitalter verstehen.