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SPANNUNGEN IN SCHWEBE HALTEN

Ist schon eine Entscheidung nötig?

Wenn es uns gelingt, nicht sofort zu beurteilen und uns nicht entscheiden zu müssen, werden wir mehr sehen. Oft versucht unser Verstand bereits eine Lösung zu finden, noch bevor unser Gegenüber fertig gesprochen hat. Manchmal macht es jedoch Sinn, Situationen eine Weile lang einfach nur stehen zu lassen, gären zu lassen, zur Ruhe kommen zu lassen.

SPANNUNGEN IN SCHWEBE HALTEN – Was ist das eigentlich?

An dieser Station machen wir unseren Geist und unsere Vorstellungen, was geschehen soll, nochmal komplett frei und halten das, was bis jetzt an Möglichkeiten da ist, bewusst in Schwebe. Wir müssen noch nicht auf jede Frage eine Antwort finden, sofort entscheiden, alles im Griff haben. Wir halten aus, Fragen als ungeklärt, Themen als unbearbeitet und Zukunftsvisionen als noch nicht kristallklar zu sehen.

SPANNUNGEN IN SCHWEBE HALTEN
Was ist das eigentlich?
Sofortige Wertung und Entscheidung
verengt das Blickfeld.

In komplexen Situationen oder Systemen ist es oft schwer, schnell und zielsicher zu entscheiden. Wir sind es jedoch gewohnt, nur dann Sicherheit zu fühlen, Anerkennung zu finden oder der richtigen Fraktion anzugehören, wenn wir sofort einschätzen, beurteilen, bewerten und zuordnen können.

Können wir jedoch akzeptieren, dass es eben dann, wenn Dinge komplex sind oder sich im Fluss befinden, weder einfach, noch klug, noch in den wenigsten Fällen notwendig ist, eine Kategorisierung vorzunehmen, eine Entscheidung zu treffen? Dass es sowohl mir als auch anderen Beteiligten vieles einfacher macht, wenn Dinge einfach nur gesehen, beobachtet und nicht kategorisiert werden?

Ein Vogel und sein Tanz in der Luft oder sein Spiel mit anderen Vögeln ist viel schöner zu beobachten, wenn ich es einfach betrachte ohne den Namen des Vogels kennen zu müssen, sein Verhalten erklären zu wollen oder über seine Flugrichtung Voraussagen zu treffen. Ich kann sein lassen was ist und damit umgehen, ohne Enge im Kopf und ohne einzuteilen.

Denn Einteilung teilt. Und je mehr Teilungen wir vornehmen, desto weiter entfernen wir uns von der Einheit, denn Einheit eint. Manchmal sagen uns bereits die Worte mehr als wir glauben. Lasst uns deshalb daran arbeiten, Spannungen aus- und in Schwebe zu halten, ohne gleich zu urteilen. Statt dessen: beobachten, zuzuhören, ins Gespräch zu gehen, in den Austausch – und sein zu lassen, was ist.

Vielleicht braucht es gerade gar keine Lösung, keine Entscheidung. Eventuell ist es gerade erst einmal wichtig, die Situation zuzulassen, egal welche Gefühle sie mit sich bringt. Nicht automatisch darauf zu reagieren, sondern erst zu handeln, wenn Ruhe eingekehrt ist in unsere innere Gefühlswelt. Eine Nacht darüber zu schlafen und dann aus der eigenen Mitte zu handeln.

Eben nicht zu reagieren aus Angst, Scham, Schuld oder weil wir meinen, jemand erwarte es von uns. Viel mehr wollen wir innere und äußere Spannungen auch einmal in Schwebe halten. Nur dann kann eine gemeinsame Intelligenz sich der Situation annehmen, die oft größer ist, als unsere persönlichen Entscheidungsmuster.

Spüre, ob es in deinem Leben Spannungen gibt, die du gar nicht lösen musst und entspanne dich in diese Erkenntnis hinein. Trage in deinem Umfeld, der Familie, den Organisationen, denen du angehörst dazu bei, dass wir gesellschaftliche Umgangsformen etablieren, die uns als Menschen einen und nicht trennen.

Lasst uns das gemeinsam tun, denn es geht nur gemeinsam.
Gerne helfen wir auf dem Weg und auch in Situationen, in denen es gerade nichts zu entscheiden gibt.
In denen nur zu sehen ist was ist. Und vielleicht zu spüren. Vielleicht sogar nur auszuhalten, weil unsere Entscheidung gerade nicht gefragt ist.

geschrieben von Markus Hecht